1. Impfung

Das war ganz schön aufregend für meine Eltern. Am Donnerstag hatten sie ihren ersten Impftermin.

Nachdem ich bisher nur Bilder von Impfzentren in den Medien gesehen hatte, war mein Erwartungshaltung recht groß. Was ich dabei nicht bedacht hatte, dass meine Eltern in Schleswig Holstein leben, zudem in einer Kleinstadt, die bisher gar kein Impfzentrum hat. Daher habe ich meine Eltern dann in das Impfzentrum nach Mölln begleitet.

Wir sind rechtzeitig losgefahren, nicht dass wir zu spät kommen. Mein Vater war doch recht aufgeregt. Meine Mutter verstand nicht so ganz genau, was wir jetzt eigentlich machen. Für sie war es einfach schön, dass wir einen Ausflug machten. Das Wetter war ein Traum, blauer Himmel und recht angenehm warm. Als wir ihr erzählten, warum wir nach Mölln fahren, hatte sie es in dem Moment wieder vergessen, als wir ausgesprochen hatten.

Sie war überrascht, dass auch sie aussteigen sollte.

Ich weiß nicht wirklich, was ich erwartet hatte. Das Impfzentrum befand sich in einem kleinem Haus, oder besser das Haus war das Impfzentrum. Mölln ist eben auch eine Kleinstadt.

Wir waren viel zu früh angekommen. Mein Vater meinte, wir könnten es ja mal versuchen, vielleicht kämen sie schon früher an die Reihe. Und so war es auch.

Die gesamte Administration wurde von der Bundeswehr organisiert. Das klappte wirklich gut und alle waren super freundlich.

Ich kam mir ein wenig blöd vor, da ich mich nicht gut vorbereitet hatte. Das merkte ich erst, als eine Frau meines Alters mit ihrer Mutter ins Zentrum kam. Sie hatte alle Papier gut organisiert, während mir mein Vater telefonisch die Daten durchgeben hatte und ich diese handschriftlich auf einen Zettel geschrieben hatte.

War aber unterm Strich total egal, denn das interessierte ohnehin niemanden. Alle Daten waren bereits im Computer erfasst, meine Eltern mussten sich lediglich ausweisen.

Und schon ging es in eines der zwei Impfzimmer. Der Arzt war auch sehr freundlich, ebenso die Arzthelferin, die die Impfung setzte.

Am längsten war die Zeit im Nachbereitungsraum. Dort mussten wir 15 Minuten warten, ob es meinen Eltern wirklich gut ging. Dann konnten wir wieder gehen.

Nicht nur mein Vater ist erleichtert, ich ebenso.

Bis jetzt gab es auch keinerlei Nebenwirkungen. Meinen Eltern geht es gut. Einzig der Arm meines Vaters tat nach der Impfung etwas weh. Aber das ist ja normal und auszuhalten.

Ein nie enden wollender Kreislauf

Ich finde es noch immer unfasslich, dass wir vor einer Woche noch Unmengen an Schnee schippen mussten. Es war lausig kalt. Kleinere Gewässer waren bereits zugefroren.

Eine Woche später sprießen die Krokusse aus der Erde. Die Schneeglöckchen blühen und überall stecken erste Triebe ihre Köpfe aus der Erde. Die Vögel scheinen total auszuflippen. Selbst die Kälte vor einer Woche hielt sie nicht ab zu Trällern was das Zeug hält. Jetzt kommt noch die Wärme hinzu. Es ist einfach nur SCHÖN!

Was weniger schön ist, dass wir jetzt spontan das Laub von den Beeten holen mussten. Irgendwas ist eben immer und jetzt plagt mich Muskelkater von der ungewohnten Gartenarbeit.

Ich bin aber dennoch froh, dass wir es noch vor dem 1. März geschafft haben die Bäume und Büsche zu schneiden. Im letzten Jahr war das beim besten Willen nicht möglich und wir mussten es verbotenerweise bis in den März ziehen.

Zugegebenermaßen macht mir der Garten auch Angst. Jedes Mal, wenn ich denke, ich habe echt viel geschafft, drehe ich mich um und merke, dass ich erst einen winzigen Teil bearbeitet habe.

Als nächstes ist das Reinigen der Terrassen und Wege angesagt. Das mache ich im Grunde gern, auch wenn das wirklich anstrengend für mich ist, so wie eigentlich alles, was es im Garten zu tun gibt.

Trotzdem macht es Spaß. Ich entdecke den Spießer in mir.

Was ebenso unglaublich ist, wie der Spaß an der Gartenarbeit.

Muskelkater

Seit längerer Zeit versuche ich meinen Körper mit regelmäßigem Sport ansatzweise in Form zu bringen. Dadurch, dass ich nicht mehr Joggen kann, ist auch der Rest der sportlichen Aktivitäten eher spärlich. Heißt: ich strenge mich nicht über die Maßen an.

Der Winter hatte es dieses Jahr in sich und sogar in Hamburg verirrte sich die eine oder andere Schneeflocke. Erstaunlich war, dass es über Tage sogar weiß blieb. Meist ist es in Hamburg ohnehin so, dass es „nur“ kalt wird. Der Schnee, der eventuell mal an Hamburg vorbeifliegt und sich niederlässt, wird nach nur wenigen Tagen vertrocknet sein.

Gerade, als beinah alles wieder normal war, meinte es der Wettergott nicht gut mit uns und ließ noch mal so richtig VIEL Schnee vom Himmel rieseln. Innerhalb von wenigen Minuten war alles weiß. Eine dicke Schneedecke überzog alles.

Tatsächlich stimmte die Vorhersage und es hörte exakt um 19 Uhr auf zu schneien.

Mein Mann und ich sind sofort mit Schneeschaufeln und Besen bewaffnet raus auf die Straße. Soll sich ja niemand die Knochen brechen. Außerdem wird es echt fies, wenn man wartet und derweil einige Passanten die Schneedecke festgetrampelt haben.

Neulich war das Schippen geradezu ein Kinderspiel. Es strengte mich zwar auch maßlos an, aber dadurch dass es sich um Pulverschnee handelte, waren die Wege schnell befreit.

Am Montag war das ganz anders. Der Schnee war schwer. Wahrscheinlich hatte sich der Regen kurzfristig auf dem Weg zum Boden überlegt zu Schnee zu werden. Der Schnee wog jedenfalls gefühlte Tonnen. Ich ächzte unter der zu bewegenden Last.

Lustig war der Nachbar, der mit einem kleinen Eimer bewaffnet auf die Straße trat, mich freundlich grüßte und begann den Weg Schaufelweise mit Salz zu bestreuen. Erst dachte ich, er wollte eine Schneeburg bauen. Kurz darauf hörte ich komische knarzende Geräusche. Er zog mit einem Rechen über den Schnee. So etwas habe ich echt noch nie gesehen.

Bei uns kommt nur im äußersten Notfall Salz zum Einsatz. Das ist Umwelttechnisch eine echte Sauerei.

Es kann doch nicht so schlimm sein sich die paar Male körperlich zu betätigen?

Mir bescherte es nicht nur eine schlimme Nacht, da ich mich vollkommen überfordert hatte, sondern jetzt auch einen herrlichen Muskelkater.

Wobei ich letzteres gar nicht schlimm finde. Zeigt es mir doch, dass ich mal wieder etwas für meinen Körper getan habe.

Sind alle verrückt geworden?

Bekanntermaßen hat es ja nun auch in Hamburg angefangen zu schneien. Nachdem mein Mann sich wieder beruhigt hatte, weil er das Schneeschippen hasst wie die Pest, sah auch er ein, dass es im Winter doch recht hübsch aussieht und allemal besser ist als Temperaturen knapp über Null Grad und Regen.

Als er gestern am späten Abend gegen 22:30 vom Fegen wieder ins Haus kam, war er sogar recht aufgekratzt und meinte, wir sollten unbedingt nochmal einen Spaziergang machen. Es sei so unglaublich schön draußen.

Als ich ihm neulich den gleichen Vorschlag machte, zeigte er mir lediglich einen Vogel und meinte, ich sei wohl nicht ganz dicht.

Also zog ich mich warm an und ab nach draußen.

Es war wirklich unglaublich schön. Leichte Flocken rieselten vom Himmel wie aus einem überdimensionierten Salzstreuer. Eingezuckert wäre das falsche Wort, denn die Schneedecke wuchs stetig an.

So stapften wir durch immer tiefer werdenden Schnee, der aufgrund der tiefen Minusgrade nicht klebte und flockig blieb. Einfach ein Traum.

Als wir den Park verließen, entschlossen wir uns einen Bogen zu schlagen, der uns über eine kleinere Seitenstraße auf die Hauptstraße führen sollte. Der Gehweg ist dort sehr eng. Wir schafften es gerade zu zweit nebeneinander her zu gehen.

Als wir das Ende der Straße erreichten, hörten wir eine Fahrradklingel hinter uns. Erst zögerlich, dann lauter und immer eindringlicher.

Grundsätzlich mache ich auf dem Gehweg keinem Radfahrer Platz. Einzig, wenn ich höflich um Platz geben werde, lasse ich den Radfahrer vorbei. Da ich ebenso Radfahrer bin, weiß ich was sich gehört. Ich würde NIEMALS einen Fußgänger vom Weg klingeln. Radfahrer gehören auf die Straße, sollte sich kein Radweg finden lassen. Selbst bei Kindern, die ja durchaus den Gehweg nutzen sollen, finde ich es ungehörig mich durch Klingeln vertreiben zu lassen. Auch ein Kind hat einen Mund und kann diesen nutzen. Sollte das Kind noch gar nicht sprechen können, gehört es ja wohl ohnehin nicht allein aufs Fahrrad.

Mein Mann und ich ignorierten also das anhaltende Klingeln. Wir hatten sowie gerade das Ende erreicht und reichlich Platz bot sich uns und dem Radfahrer.

Aber anstatt einfach an uns vorbei zu fahren, machte dieser sich mit Pöbelei auf sich aufmerksam. Es sei eine Unverschämtheit ihm keinen Platz zu machen, schließlich hätte er doch geklingelt. Ob wir wohl taub seien?

Wir blieben abrupt stehen, sodass der Radfahrer nicht mehr vorbei konnte. Jetzt ging die Pöbelei richtig los. Was uns einfallen würde, ihn jetzt auch noch aufzuhalten.

Ein Teenager – er wird wohl 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein – (mein Mann würde ihn als kleine Hackfresse bezeichnen) stand vor uns uns und wurde nicht müde uns zu beschimpfen.

„Ey, allder, Digger, mach Platz, Digger, seid ihr nicht ganz dicht, Digger, das gibt’s ja wohl nicht, Digger.“

„Was genau ist jetzt dein Problem?“, fragte mein Mann.

„Allder, Digger, ey, ich will hier durch, Digger.“

„Du gehörst auf die Straße und nicht auf den Gehweg. Da wollt ihr doch sonst auch immer fahren.“

„Ey, Digger, ich glaub ich spinn, Digger, ich habe keinen Helm auf, Digger, da muss ich doch wohl aufm Fußweg fahren, Digger, und du musst Platz machen, Digger.“

Jetzt schaltete ich mich ein: „Sag mal, Digger, wie alt, Digger, bist du, Digger? Sieben?“

„Kinder bis 10 Jahren dürfen auf dem Gehweg fahren“, klärte mein Mann ihn auf. „Du bist eindeutig älter.“

„Ey, Digger, das glaub ich nich, Digger, ich hab keinen Helm, bist du bekloppt, Digger?“

Er fummelte auf seinem Smartphone, dass er mit einer Halterung am Lenker befestig hatte.

„Ey, allder, Digger, hast du das aufgenommen, allder, Digger, die wollen mich nich vorbei lassen, allder, Digger.“ Und an uns gerichtet: „Ich nehme das alles auf, Digger, pass bloß auf, Digger.“

„Na bestens“, sagte mein Mann, „dann kannst du das ja gleich der Polizei vorspielen, die wir gleich rufen werden, dass du uns genötigt hast und zudem auch noch beleidigt.“

„Allder, Digger, das glaub ich nich, lass mich jetzt vorbei, allder, Digger, ich lad das gleich auf YouTube hoch.“

Erst jetzt erkannte ich, dass er tatsächlich sein Smartphone anhatte und es gegen den Himmel leuchtete. Was hätte er damit wohl aufnehmen wollen?

Zudem hätte er längst an uns vorbeifahren können, da wir bereits ein Stück in die größere Straße gegangen waren. Er verspürte aber weiter Lust uns zu bepöbeln.

Irgendwann hatte er keine Lust mehr, zumal wir uns von der Drohgebärde, dass bei YouTube hochzuladen, nicht beeindrucken ließen.

Schade nur, dass ich wenig Schlagfertig war. Die besten Sprüche, wie „keine Haare am Sack, aber hier einen auf dicke Hosen machen“, fielen mir erst später ein. Oder: „Mach doch, lad es hoch, dann können deine Freunde sehen, was du für eine Pussy bist, und auf dem Gehweg fahren musst, anstatt auf der Straße.“

Toxische Beziehungen

Obwohl ich die Bezeichnung „toxisch“ total bescheuert finde, trifft es den Kern einer solchen Beziehung auf den Punkt.

Wobei ich sagen muss, dass es meist nicht die Beziehungen sind, sondern die Menschen, die toxische Wirkung auf uns haben.

Zu allem gehören immer zwei. Ich kann nicht mit mir selbst eine Beziehung führen. Auch wenn das durchaus manches Mal wünschenswert wäre.

In einer guten Beziehung, sei es nun in freundschaftlicher oder partnerschaftlicher Weise, oder in einer Ehe, gibt es ein Geben und Nehmen. Das sollte nicht aufgerechnet werden, aber doch ausgeglichen sein. Sonst funktioniert es auf Dauer nicht.

Rückblickend kann ich feststellen, dass es tatsächlich immer Menschen waren, die den Ausdruck „toxisch“ verdienen. Da kann man sich anstrengen wie man will. Eine Beziehung zu einem toxischen Menschen kann nicht funktionieren. Ich vergleiche das immer mit einer tickenden Zeitbombe. Man weiß, dass sie explodieren wird, man hat nur den Timer nicht gefunden und hat somit keine Ahnung, wann der Moment gekommen sein wird.

Wenn es gut läuft, dann weiß man immerhin, was der Trigger sein könnte, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Doch meist ist es unberechenbar und kommt wie aus dem Nichts.

Anfänglich habe ich mir Vorwürfe gemacht, wenn eine Freundschaft zerbrach. Suchte schnell den Fehler bei mir. Was in erster Linie daran liegt, dass ich mich eben gut kenne und dann versuche zu ergründen, was falsch gelaufen sein könnte.

Doch bei toxischen Menschen, liegt die Schuld ausschließlich bei den Betreffenden selbst. Es gibt keine Lösung und nichts hätte verhindern können, dass die Bombe hochgeht.

Was ich mir nur frage: Wenn ich das wusste, warum habe ich mich nicht viel früher von dem toxischen Menschen distanziert?

Habe ich insgeheim gehofft, dass der Tag niemals kommen würde?

Habe ich zu sehr an das Gute im Menschen geglaubt?

Oder bin ich nur ein Feigling, der unter Konfliktscheuheit leidet und zudem Harmoniesüchtig ist?

Fazit: Am Ende war ich dann doch immer froh den toxischen Menschen los zu sein. Soll sich zukünftig ein anderer damit plagen.

Denn sind wir doch mal ehrlich: Es lebt sich so viel leichter, wenn man diese Menschen nicht mehr in seiner Nähe hat.

Wie sich die Zeiten ändern

Noch vor wenigen Jahren wäre es für mich undenkbar gewesen keinen Sport treiben zu können. Nicht mehr Joggen zu können war für mich die Höchststrafe. Daran wollte ich nicht denken und konnte es mir schon gar nicht vorstellen.

Oft war ich in den letzen Jahren krank. Ich meine keine Erkältung oder einen Schnupfen, die man nach neun Tagen überstanden hat. Was eine echte Grippe bedeutet habe ich leider schon mehr als einmal erleben dürfen.

Meist dauerte es drei Monate, manchmal sogar vier, bis ich wieder soweit war, Joggen zu können. Natürlich habe ich zuvor einen Arzt aufgesucht, der mein Herz untersuchte, ob Sport wieder möglich sei.

Selbst wenn ich vier Monate nicht trainieren konnte, machte das meiner Fitness meist nichts. Es dauerte nur wenige Tage und ich war wieder die Alte.

Bis mich 2017 diese fiese Lungenentzündung niederstreckte.

Selbstverständlich dachte ich, dass ich nach ein paar Monaten wieder gesund sei und alles so wäre, wie immer.

Wie konnte ich ahnen, dass es niemals mehr so sein würde, wie ich es gewohnt war?

Inzwischen habe ich mich mit der Situation abgefunden.

Nachdem ich durchaus nach einem Jahr Krankheit versuchte wieder zu Joggen – und kläglich scheiterte – sah ich ein, dass mein Leben nun einen anderen Weg nehmen würde.

Ich kann durchaus wieder Sport machen, aber in ganz anderen Dimensionen als zuvor beim Joggen. Daran ist selbst nach nun beinah vier Jahren nicht zu denken.

Doch etwas wunderbares ist passiert: Ich kann den Winter wieder genießen!

Früher war ich total genervt, sobald sich auch nur eine Schneeflocke vom Himmel herabließ.

Ich joggte früher bei jedem Wetter. Ganz egal, ich war draußen und genoss es. Das Erleben der Jahreszeiten hatte eine ganz andere Qualität. Ebenso die heiße Dusche nach einem Lauf bei –7 Grad Celsius.
Aber bei Eis und Schnee, das war schon eine besondere Herausforderung, die ich dennoch annahm und sogar meisterte. Aber Spaß ging anders und so war ich froh, wenn der Winter ausblieb.

Jetzt sitze ich eingekuschelt in eine Decke und schaue mir das Schauspiel des Winters an. Ich genieße es. Es sieht so schon aus und ich freue mich tatsächlich darüber.

Mein Mann schimpft, muss er doch den Gehweg von dem weißen Zeug befreien.

Trotzdem: wenn ich wählen könnte, ich hätte gern mein altes Leben zurück.
Mir fehlt das Joggen und meinem Körper auch. Er glaubt – und setzt es sogar in die Tat um – mir immer wieder neue Fettpölsterchen zu schenken.

Aber so ist wohl der Lauf des Lebens.

Müßig sich über Dinge zu grämen, die man nicht ändern kann.

Haarige Angelegenheit

Heute war es mal wieder soweit: die Haare mussten ab!

Vor dem letzten Lockdown hatte ich meinem Mann schon einmal die Haare geschnitten. Was in sofern nicht so schlimm war, weil ein paar Tage später die Friseure wieder öffnen durften. (Was wir allerdings zu dem Zeitpunkt nicht wussten, sonst hätte ich Finger davon gelassen.)

Vor über 20 Jahren musste ich meinem Mann schon einmal die Haare schneiden, weil er meinte, er hält das nicht mehr aus. Danach musste er zwei Tage mit Mütze unterwegs sein, weil Undercut noch nicht erfunden, bzw. noch nicht angesagt war.

Als ich ihm also irgendwann im Frühjahr die Haare schnitt, wurde mir ganz mulmig. Mit zitternden Händen schnitt ich mit Kamm und Maschine an seiner mittlerweile recht langen Mähne herum.

Ich war mit dem Ergebnis zufrieden und mein Mann erstaunlicherweise sogar auch, sodass ich ihm heute nochmals an die Haare durfte.

„Das Gute ist“, meinte ich, „dass derzeit ALLE Probleme mit ihrer Frisur haben, da fällt es nicht auf, wenn ich jetzt Mist baue.“

Ich gebe zu, das förderte nicht unbedingt das Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Aber am Ende war er doch zufrieden. Und wer weiß, vielleicht steigere ich mich ja sogar noch. Je nachdem, wie lange die Friseure geschlossen bleiben müssen.

Sorge

Ich erwähnte glaube ich schon, dass ich zu meinem Vater ein sehr gutes Verhältnis habe. Wenn ich mich früher mal drei Tage nicht gemeldet hatte, bekam er Sehnsucht und rief mich an, um meine Stimme zu hören. Dabei war aber niemals ein Vorwurf in seiner Stimme, warum ich mich seiner Meinung nach, so lange nicht gemeldet hatte. Wir telefonierten meist auch nie lange. Er wollte lediglich hören, dass es mir gut geht.

Seit dem ersten Lockdown im März habe ich mir angewöhnt jeden Tag mit ihm zu telefonieren. Was in erster Linie daran lag, dass die Demenz meiner Mutter stark voranschreitet und eine Unterhaltung kaum mehr möglich ist.

Mein Vater ist sehr kontaktfreudig. Er ging gern unter Leute. Mal in eine Kneipe oder in eine Bar, oder irgendwohin, wo er jemanden treffen und sprechen konnte.

Das ist ja nun leider erst mal vorbei.

Der Sommer war noch entspannt. Da konnte er auch mal ins Restaurant gehen, ob allein oder mit meiner Mutter. Ich habe ihn oft gesehen. Doch seit November ist ja das nun auch vorbei.

Wobei wir uns zu Weihnachten gesehen hatten.

Aber das reicht ihm nicht.

Nach anfänglichen Morgen und nachmittäglichen Telefonaten, sind jetzt noch ein bis zwei Gespräche über den Tag verteilt dazu gekommen.
Manchmal sprechen wir nur kurz, manchmal auch eine Stunde. Je nachdem, was ihm auf dem Herzen liegt und wie sein Redebedarf an dem Tag ist.

Neulich rief ich ihn wie jeden Morgen an. Zwei mal wurde die Verbindung unterbrochen.

Das kenne ich schon. Er ist dann doch mit seinen beinah 92 Jahren mit dem Smartphone überfordert. Und da zur Zeit ja alles geschlossen ist, kann er sich keine Hilfe im Telefonladen suchen.

Ich hoffte, dass er in seinem Telefon nicht schon wieder alles umsortierte und damit unbrauchbar gemacht hatte.

Als ich ihm beim dritten Mal endlich hörte, meinte er nur kurz angebunden, dass er beim Arzt sei, sich später melden würde und legte auf.

Unnötig zu sagen, dass ich mir SOFORT Sorgen machte.

Was war passiert?

Ging es ihm gut?

Ging es meiner Mutter gut?

Kurzfristig wurde mir schlecht.

Bis ich entschied, dass ich es nicht ändern konnte. Wenn es so sei, dann sei es eben so. Selbst wenn jetzt der schlimmste aller Fälle eingetreten wäre.

In dem Alter, in dem meine Eltern grad sind, rechnet man ohnehin jeden Tag damit, dass dieser unerfreuliche und traurige Anruf kommen könnte.

Was also könnte ich tun?

Nichts!

Ich würde das Schicksal nicht aufhalten können.

Warum also, sollte ich mir Sorgen machen?

Nach einer Stunde wäre jede Sorge ohnehin hinfällig. Meinen Eltern ging es gut. Meine Mutter hatte in der Nacht Zahnschmerzen, die sie bereits beim Aufwachen wieder vergessen hatte. Zur Sicherheit war mein Vater mit ihr zum Zahnarzt gefahren.

Ich habe beschlossen, jetzt sorgenfrei zu leben. Zumindest was die Gesundheit meiner Eltern angeht.

Ach ja, …

Das neue Jahr hat begonnen. Für mein empfinden ist es schon so weit fortgeschritten, dass ein „frohes Neues“ albern wirkt.

In den letzten Jahren war es bereits so, dass sich nichts wesentliches geändert hatte, nur weil wir eine Datumsgrenze überschritten hatten.

Bei allen Diskussionen über Zeitumstellung oder eben den Jahreswechsel, muss ich immer an die Tierwelt und die Natur im allgemeinen denken. Denen ist es nämlich komplett egal. Einzig den Tieren, die unsere Zivilisation dazu gezwungen hat mit den Menschen zu leben, müssen unter der Zeitumstellung leiden.

Wobei sie das nicht müssten. Hier ist es wieder nur der Mensch, der keinen Bock darauf hat eine Stunde früher oder später aufzustehen, je nachdem ob Frühling oder Herbst ist.

In diesem Jahr scheint mir der Jahreswechsel jedoch sehr wichtig. Und in diesem Fall meine ich auch MIR. Nicht nur ich hatte gehofft, dass das Jahr 2020 endlich vorüber geht und wir alle mit Hoffnung in das neue Jahr wechseln.

Aber leider hat sich nicht viel, bis gar NICHTS geändert.

Ich halte alle Maßnahmen für Sinnvoll. Auch wenn diese mich extrem nerven und ich merke, wie mir die ganze Situation zu schaffen macht.

Man kann vielleicht über die eine oder andere Maßnahme anderer Meinung sein. Aber unterm Strich geht es doch um unsere Gesundheit. Es ist doch grauenvoll darüber entscheiden zu müssen, welcher Mensch es Wert sei gerettet zu werden, nur weil er vielleicht ein gewisses Alter überschritten hat.

Glücklicherweise lebe ich in Deutschland. Darüber bin ich wirklich dankbar.

Bisher ist noch alles soweit gut gegangen. Aber die Zahl der Toten beunruhigt mich doch sehr.

Ist nicht allein das Grund genug die Zähne zusammenzubeißen und sich an die Regeln zu halten?

Und sonst so …

• Es ist kaum zu glauben, aber mir fehlt das Räumen.

• Damit mir nicht langweilig wird, mache ich im Haus weiter.

• Hier gibt’s immer was zu tun und ich entdecke jeden Tag neues aus längst vergessenen Tagen.

• Dabei sage ich mir immer wieder, dass ich SO nie werden will.

• Auch wenn es schön ist, mit manchen Dingen in die Kindheit zurück versetzt zu werden.

• Aber wer braucht das schon?

• Ich lebe viel lieber im Hier und Jetzt.

• Obwohl das gerade auch eher einer Herausforderung gleicht.

• Oft denke ich, dass ich das C-Wort nicht mehr hören kann.

• Aber es nützt ja nix, da müssen wir alle durch.

• Auch wenn es mir noch immer so vorkommt, als würden wir uns in einem endlosen Katastrophen-Film befinden.

Das Bild zeigt übrigens eine Packung Hansaplast. Wahrscheinlich aus der Zeit zwischen 1959 und 1968. Das hat mein Mann anhand des Logos herausgefunden, da es in dieser Zeitspanne genutzt wurde.